Nachhaltigkeit in Kehrsatz

Nachhaltig wohnen
(Interview aus dem Chäsitzer 4/2021)

 

Beim Sanieren und Renovieren werden nachhaltige Aspekte immer wichtiger. Denn ein energieeffizientes Haus schont nicht nur die Umwelt, sondern spart auch einiges an Energiekosten. Marcel Sohler und Thomas Stauffer haben ihre Häuser in den letzten Jahren saniert und teilen im Chäsitzer-Interview ihre Erfahrungen.

 

 

 

 

 

Was war die Motivation oder der Auslöser, das Haus nachhaltig zu sanieren?

Marcel Sohler: Beim Kauf der Liegenschaft wurden jährlich 3000 Liter Heizöl verbraucht. Nach diversen Sanierungen (Dach, Kellerdecke, Fenster und Türen) konnte dieser Verbrauch halbiert werden. Trotzdem wollten wir unsere Vision eines fossilfreien Zuhauses verwirklichen.

Thomas Stauffer: Wir wohnen in einem über 330 Jahre alten Holzhaus, das in seiner Entstehungszeit insbesondere Taglöhnern ein Zuhause bot. Saniert wurde aus finanziellen Gründen deshalb immer nur das Nötigste und mit dem günstigsten Material. Das Haus wurde ohne Fundament direkt auf den Erdboden gebaut, die Räume waren teilweise enorm niedrig, die luftdurchlässigen Ritzen zahlreich und die Isolation wegen des Marders kaum mehr vorhanden. Als wir unseren Hausteil und jetzt auch jenen meiner Eltern übernommen haben, stand der Verzicht auf eine Totalsanierung somit ausser Frage. Die Sanierung eines alten Bauernhauses ist aufwendig und kostenintensiv. Wir haben uns das Projekt deshalb gut überlegt. Für uns war klar, dass, wenn wir es angehen und mehr Geld investieren als für einen Neubau, wir es "richtig" machen und möglichst wenig Kompromisse gegenüber einem modernen Haus eingehen wollen. Während in der ersten Etappe der Wechsel von der bestehenden Ölheizung zu einer Wärmepumpe aus finanziellen und insbesondere technischen Gründen gescheitert war und wir uns auf eine bestmögliche Isolation beschränken mussten, konnten wir in der zweiten Phase eine Wärmepumpe realisieren. Durch den Wegfall des grossen Öltanks konnten wir im Parterre wertvollen Wohnraum gewinnen. Für eine Solaranlage haben wir uns nicht zuletzt wegen der neuen Wärmepumpe, der Autonomie und aus ökologischen Gründen entschieden. Wir wollen unseren Strom selbst produzieren und möglichst unabhängig von den Stromproduzenten sowie dem Stromnetz sein.

 

Wie schwierig war es, die optimale Lösung für das Eigenheim zu finden? Wie findet man als Laie die entsprechenden Handwerker und Profis?

M.S.: Es war ziemlich schwierig, die wirklich kompetenten Personen zu finden. Nach zwei erfolglosen Versuchen mit Architekten fanden wir aber sehr gute Handwerker, die auch die Planung übernahmen. Die richtigen Profis zu finden, ist umständlich, da viele Firmen nachhaltige Produkte anbieten, aber selber wenig davon verstehen. Schliesslich halfen uns Empfehlungen und gutes Recherchieren. Trotzdem hatten wir auch Missgriffe und mussten teilweise Produkte/Unternehmungen austauschen.

T.S.: Das ist in der Tat eine Herausforderung, vor der man aber immer steht, wenn man eine Spezialistin oder einen Spezialisten benötigt. Wir haben uns hier auf Empfehlungen unseres Bauleiters sowie des Elektrikers abgestützt. In unserem näheren Bekanntenkreis hatte leider noch niemand eine vergleichbare Anlage. Nur zu gerne hätte ich mich vorgängig mit anderen ausgetauscht und von deren Erfahrungen profitiert. Stattdessen habe ich mich etwas im Internet orientiert.

 

Welche Alternativen und Optionen galt es abzuwägen? Und warum hast du dich für die aktuelle Lösung entschieden?

M.S.: Unsere Sanierung teilte sich in vier Phasen.

  • Solaranlage (2014): Da unser Dach viele Ecken und Aussparungen hat, hatten wir uns entscheiden, die Solaranlage an Stelle der Thuja-Hecke am südöstlichen Rand unseres Grundstückes erstellen zu lassen. Dank der Zustimmung der Nachbarn war dies problemlos möglich und bot eine grosse Fläche. Bei der Auswahl der Panels setzten wir auf Qualität mit Schwergewicht guter Ertrag im Frühling/Herbst und entschieden uns für Sunpower 345 (amerikanische Firma, Module hergestellt in Südfrankreich).
  • Energetische Haussanierung (2015–16): Da wir keine Komfortlüftung wollten, begnügten wir uns bei der Sanierung auf Dach- und Kellerdeckenisolation sowie 3-fach-verglaste Fenster/Türen.
  • Heizung (2019): Unser Wunsch war eigentlich eine Erdsonden-Heizung, die wärmeres Wasser aus ca. 60–100 m Tiefe heraufpumpt und mittels einer Wärmepumpe weiter erhitzt. In Kehrsatz ist es bis anhin östlich der BLS-Bahnstrecke aber aufgrund des Grundwassers verboten, solche Erdsonden zu erstellen. Wir haben uns darum wohl oder übel mit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe begnügen müssen. Um diese aber noch etwas zu optimieren, haben wir sie hinter die Solaranlage stellen lassen und beziehen die etwas wärmere Luft von unter der Solaranlage.
  • Hausbatterie (2020): Hier hatten wir die grössten Probleme. Unser Ziel war, den Solarstrom auch für den Stromverbrauch in der Nacht und während Tagen mit schlechter Witterung nutzen zu können – also den Eigenverbrauch zu optimieren. 2019 entscheiden wir uns für Salidomo, eine Salzbatterie einer Schweizer Firma. Uns wurde eine Leistung von mind. 9 kW beim Laden und Entladen versprochen. Nach der Installation betrug diese Leistung aber nie mehr als 4 kW. Bei max. Ertrag der Solaranlage mit 19,6 kW konnte so nur gerade ein Viertel in der Batterie gespeichert werden. Nach monatelangen Diskussionen und Abmahnungen wurde diese Batterie endlich zurückgenommen, und wir erhielten dann auch den gesamten Kaufpreis zurück. 2020 kontaktierte ich die Firma Helion und fand dort mit Silvio Affolter einen sehr kompetenten Mitarbeiter. Wenige Wochen später standen in unserer Waschküche 3 Tesla-Powerwall-Hausbatterien, mit welchen wir sehr zufrieden sind.

T.S.: Insbesondere mussten wir uns entscheiden, ob wir auf unserem Dach Solarstrom oder warmes Wasser produzieren wollen. Für uns war immer klar, dass es Ersteres sein wird, da wir mit der «Strom-Lösung» mehr Möglichkeiten haben und eine grössere Unabhängigkeit erzielen können.

Die grösste Knacknuss war der Standort der Anlage. Das Dach des Bauernhauses schien bezüglich Ausrichtung und Grösse bestens geeignet zu sein. Aus ästhetischen Gründen kamen für uns auf dem geschützten Bauernhaus jedoch nur eine sehr kostenintensive Indach-Anlage oder Solarziegel in Frage, die sich beide in der Regel nur rentieren, wenn eine Dachsanierung ansteht. Dies war bei uns nicht der Fall. Zudem mussten wir feststellen, dass die nutzbare Fläche wegen der ungünstigen Dachform sowie der zahlreichen Dachfenster und Lichtbänder schliesslich gar nicht mehr so gross gewesen wäre. In der Folge mussten wir auf die Dächer der beiden Anbauten ausweichen. Obwohl eine der Dachflächen auf der Garage von der Ausrichtung her nur suboptimal ist, können wir auf den drei kleinen Dachflächen nun die gleiche Nutzfläche erzielen wie auf dem Hauptdach. Allerdings konnten wir auf diesen eine wesentlich günstigere Aufdach-Anlage realisieren. Wir haben uns somit aus ästhetischen und finanziellen Gründen für die nun realisierte Variante entschieden.

Neben der Qualität und der Optik der Solarmodule mussten wir auch noch entscheiden, ob wir einen Stromspeicher in Form einer Batterie wollten, welche Batterie das sein sollte und ob diese notstromfähig sein muss. Zwecks Erhöhung des Eigenverbrauchs haben wir uns für eine Batterie entschieden, und zwar eine in der Schweiz entwickelte und hergestellte Salzbatterie, die völlig ungiftig und vollständig rezyklierbar ist. Auch wenn es selten vorkommt, wollen wir unseren selbst produzierten Strom auch dann nutzen können, wenn das Stromnetz ausfällt. Deshalb ist unser System notstromfähig, was – wie wir merken mussten – weder eine Selbstverständlichkeit noch einfach umzusetzen ist.

 

Eine nachhaltige Sanierung reduziert die Energiekosten deutlich. Jedoch ist vorgängig eine entsprechende Investition nötig. Kannst du etwas zu den Kosten sagen?

M.S: Unsere Kosten sind insofern kein Massstab, weil wir viele Arbeiten unorthodox machen liessen und darum natürlich Mehrkosten entstanden sind (z.B. Stahl-Holz-Gerüste für Solaranlage). Für die oben erwähnten Sanierungsmassnahmen mussten wir rund 380 000 Franken investieren.

T.S.: Unsere Lösung ist aus meiner Sicht keine ökonomische Entscheidung, auch wenn man das jetzt so noch nicht beurteilen kann. Das hängt von der Preisentwicklung der verschiedenen Energieträger wie Strom oder Öl ab. Wir wollten aber eine möglichst grosse energetische Unabhängigkeit erlangen sowie ökologisch und technisch in die Zukunft investieren und nicht möglichst viel Geld sparen. Es besteht jedoch eine realistische Wahrscheinlichkeit, dass wir die Anlage in 15 bis 20 Jahren amortisieren können.

 

Bund und Kanton bieten zusätzliche Finanzierungshilfen und Fördergelder für energetisch wirksame Massnahmen an. Konntest du davon profitieren?

M.S.: Ja, wir haben davon profitieren können. So kamen 18 000 für die Solaranlage (Einmalvergütung), 7000 für die Dachsanierung sowie 10 000 Fr. für den Heizungsersatz (Wärmepumpe statt Öl) zusammen.

T.S.: So ist es vorgesehen. Geld habe ich allerdings bis heute noch keines gesehen. Ich sollte einen Pauschalbetrag von rund 7500 Fr. erhalten, was immerhin knapp 7% der Kosten decken würde. Das ganze Verfahren erscheint mir wahnsinnig bürokratisch und unendlich langsam. Während die immer gleichen Angaben mehrere Male in ein völlig veraltetes Onlineformular eingegeben werden müssen, dauert die mutmassliche Auszahlung 1,5 Jahre.

 

Welche Hilfestellungen kamen von Gemeinde, Kanton oder dem Bund?

M.S: Wir haben keine direkte Hilfe in Anspruch genommen. Das Baugesuch wurde auf der Gemeinde jeweils zügig bearbeitet.

T.S.: Der Bund hat einige hilfreiche Seiten, wo man sich informieren kann und einen ersten Überblick erhält. Über die Seite des Bundesamtes für Energie kann relativ zuverlässig berechnet werden, auf welcher Dachfläche wie viel Strom produziert werden kann. In unserem Fall liegen Prognose und Realität erstaunlich nahe beisammen.

 

Was hättest du dir während der Sanierung gewünscht?

M.S.: Mehr Erfahrungsaustausch mit anderen Hauseigentümer*innen.

T.S.: Einen fachlichen Austausch mit Personen, die bereits eine Anlage gebaut haben, um von deren Erfahrungen profitieren zu können.

 

Was würdest du heute anders machen?

M.S.: Noch mehr auf Smart-Home setzen und das Gespräch suchen mit anderen, erfahrenen Hauseigentümer*innen.

T.S: Unsere Anlage ist erst seit August 2020 in Betrieb und wir sind grundsätzlich sehr zufrieden damit. Es wäre wohl nicht gut, wenn wir jetzt bereits vieles anders machen würden. Nicht zuletzt im Gespräch mit Marcel wurde ich jedoch auf Punkte aufmerksam gemacht, über die ich mir bisher absolut keine Gedanken gemacht habe. Zum Beispiel wie schnell eine Batterie geladen werden kann. Auch wenn es ökonomisch vielleicht nicht sinnvoll ist, hätte ich gerne eine etwas grössere Batterie, um den Selbstversorgungsgrad noch etwas erhöhen zu können.

 

Welche Ratschläge hast du für andere Kehrsatzer Hausbesitzer*innen?

M.S.: Setzt auf erneuerbare Energien! Es ist nicht nur kostengünstiger, sondern auch immer wieder begeisternd, wenn unsere App anzeigt, wie viel Energie wir selber nutzen können (über das gesamte Jahr haben wir 2020 mit unserer Solaranlage 17,8 MWh produziert und 17,3 MWh verbraucht (inkl. Heizung und zwei reinen Elektroautos).

T.S: Wenn sich ein Dach zur Stromproduktion eignet, eine ästhetische Ausführung möglich ist und sich eine Rentabilität innert nützlicher Frist abzeichnet, dann würde ich jedem und jeder Hauseigentümer*in raten, in die Zukunft zu investieren. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man seine ersten Kilowattstunden produziert, und noch besser, wenn man an schönen Sonnentagen völlig autonom ohne fremden Strom auskommen kann.

Interview: René Walker


Erfahrungsaustausch

Im Interview wurde sowohl von Marcel Sohler wie auch von Thomas Stauffer der fehlende Erfahrungsaustausch erwähnt. Damit dies anderen Kehrsatzer Hausbesitzer*innen nicht ganz so ergeht, wollen beide ihr Wissen gerne weitergeben. Interessierte Hausbesitzer*innen oder solche, die ebenfalls einen solchen Umbau gemacht haben und ihr Wissen teilen möchten, können sich ab sofort auf www.chaesitzer.ch/nachhaltigkeit registrieren. Je nach Interesse werden wir einen entsprechenden Anlass (Apéro, Forum, Hausbesichtigung etc.) organisieren.