Eine Berner Campagne für den Bundesrat

Beitrag aus dem Chäsitzer 4/2018.

Landsitz Lohn Kehrsatz
Bild: BBL/Alexander Gempeler Bern

Historische Gebäude in Chäsitz

 

Eine Berner Campagne für den Bundesrat

 

Normalerweise stellen wir in dieser Rubrik Menschen in Chäsitz vor. Dieses Mal machen wir eine Ausnahme und kümmern uns um ein ehrwürdiges Gebäude, welches seit über 235 Jahren in Kehrsatz steht: den Landsitz Lohn. Kunsthistorikerin Monica Bilfinger öffnete für die Chäsitzer Redaktion die Tore vom Lohn und gab in einem sehr interessanten Gespräch viel Wissenswertes um das Gästehaus des Bundesrates preis.

 

In einem Plan der Ortschaft Kehrsatz aus dem Jahr 1719 erkennt man auf dem Areal des heutigen Lohns ein kleines Gut mit einer regelmässigen Gartenanlage und Allee. Und auf einem alten Aquarell aus dem Jahr 1760 sieht man das damalige Gebäude mit zwei Türmchen. Über dieses Gebäude und deren Besitzer ist heute aber nichts bekannt. Erwiesen ist hingegen, dass der ehemalige Hauptmann in niederländischen Diensten und spätere Landvogt zu Lenzburg, Samuel Tscharner, Besitzer des alten Gutes beim heutigen Lohn war. Dessen Tochter Henriette Marie Carlotte Tscharner erbte das Anwesen nach dem Tod ihres Vaters und liess in den Jahren 1872/1783 das alte Gebäude abreissen und den neuen Landsitz Lohn bauen. Architekt des Gebäudes war Carl Ahasver von Sinner welcher noch weitere ähnliche Gebäude in der Region realisieren konnte.

 

Die Campagne Lohn blieb bis 1897 im Besitz der Familie Tscharner ehe die Erben von Carl Emanuel von Tscharner diese an Friedrich Emil Welti verkaufte. Welti war der Sohn von Bundesrat Emil Welti. Friedrich Emil Welti war ein bekannter Rechts- und Wirtschaftshistoriker und grosser Kunstliebhaber. Nicht ohne Grund sind im Landsitzlohn noch heute zahlreiche wertvolle Gemälde von Künstlern wie Ferdinand Hodler oder Albert Anker zu sehen. Welti pflegte einen engen Kontakt zu diesen Malern. Bis zu seinem Tod im Jahr 1940 wohnte Welti im Lohn. Nach seinem Ableben ging die Besitzung an seine zweite Ehefrau Helene Welti-Kammerer, welche den Lohn als Schenkung im Namen ihres Schwiegervaters und zu dessen Erinnerung an die Eidgenossenschaft übergab.

 

Emil Welti‘s erste Ehefrau war übrigens Lydia Escher, die Tochter von Alfred Escher. Escher war der Gründer der Credit Suisse, der Rentenanstalt, der ETH Zürich und der Nordostbahn. Zudem war er massgeblich am Bau des Gotthardtunnels beteiligt und amtete als Nationalrat. Die Ehe ging nach einer Liebesbeziehung zwischen Lydia und dem Maler Karl Stauffer-Bern, was in der Schweiz für einen riesigen Skandal sorgte, in die Brüche. Weder der Vater Alfred Escher (1819 – 1882) noch Lydia Escher (1951 – 1891) waren jemals persönlich im Lohn.

 

1942 ging der Landsitz Lohn in heutiger Fläche an die Eidgenossenschaft als Schenkung über. Der Bauernhof, welcher früher auch zum Landsitz gehörte, wurde bereits vorgängig verkauft. Die Eidgenossenschaft erhielt den Landsitz inklusive sämtlichem Mobiliar. Das Reglement für die Nutzung dieser Schenkung sieht unter anderem vor, dass der Lohn ausschliesslich für Anlässe des Schweizerischen Bundesrates sowie als Übernachtungsort für ausländische Staatsoberhäupter zu nutzen sei.

 

Erster ausländischer Gast im Lohn war 1946 Sir Winston Churchill, interessanterweise kein Staatsoberhaupt. Keine Regel ohne Ausnahme. Das gilt auch beim Lohn. Letzter Staatschef, welcher in Kehrsatz übernachtet hat, war 1994 der polnische Präsident Lech Walesa. In der Zwischenzeit betteten sich in Kehrsatz unter anderem Königin Elizabeth II. und Prinz Philip von Grossbritannien, Fürst Rainier und Fürstin Gracia von Monaco, König Juan Carlos und Königin Sofia von Spanien oder Präsident François Mitterrand von Frankreich oder Bundespräsident Konrad Adenauer aus Deutschland.

 

Im Laufe der Zeit wurden Ansprüche an einen Staatsanlass oder Staatsbesuch immer grösser. So nahmen zum Beispiel die Grösse der Delegationen und die Sicherheitsvorkehrungen zu. Aus diesem Grund beschloss der Bundesrat die Gäste ab 1994 im Hotel Bellevue Palace in Bern, welches sich ebenfalls im Besitz der Eidgenossenschaft befindet, einzuquartieren. Festbankette werden seit 2002 vor allem im Hotel Bernerhof durchgeführt, da im Landsitz Lohn lediglich 42 Personen im grossen Esszimmer bewirtet werden können.

 

Somit dient der Lohn aktuell vor allem als Arbeits- und Empfangsort für die Bundesräte und ihre Gäste. Bei Staatsbesuchen, welche in Kehrsatz per Zug ankommen, ist der Lohn willkommener Ort für einen Zwischenhalt, bevor es mit dem Auto ins Bundeshaus geht.

 

Der Landsitz Lohn umfasst heute über 14 Zimmer auf zwei Stockwerken sowie dem Speisesaal im umgebauten Stall. Einzelne Zimmer sind nach ihren berühmten Gästen benannt. So gibt es ein Churchill-Zimmer und ein Elisabethen-Zimmer. Umgeben ist das Gebäude von einer schönen Parkanlage. Darauf fanden übrigens bis zur Übergabe an die Eidgenossenschaft auch öffentliche, gesellschaftliche Anlässe wie der Sängertag des Amtes Seftigen im Jahr 1935 (siehe Rubrik Altes Chäsitz im Chäsitzer 4/2017) statt. Die Gartenanlage ist in einen englischen Garten mit Baumallee und einen formalen französischen Garten zweigeteilt. In der Innenseite der Gartenmauer des französischen Gartens sind unter anderem die Grabtafeln von Helene Welti-Kammerer und Emil Welti angebracht.

 

Interessant ist die Ausrichtung der Campagne. Heute würde man das Gebäude wohl mit Sicht auf die Alpen ausrichten. 1872 war das kein Thema. Der grosse Park und die stattliche Westfassade wurde an die Strasse, welche Bern mit Thun verband ausgerichtet. Die Familie Tscharner wollte damit wohl den vorbeifahrenden Kutschen und Reisenden ihren Wohlstand präsentieren.

 

Der Wohlstand wurde durch Kunstliebhaber und –Förderer Friedrich Emil Welti auch in Form von zahlreichen Bildern dargestellt. 39 Künstler sind mit ihren Werken im Lohn vertreten.

 

Das Reglement für die Nutzung dieser Schenkung schreibt neben der Hauptnutzung durch den Bundesrat auch vor, dass der Lohn teilweise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die Eidgenossenschaft kommt dieser Vorgabe so nach, dass jeweils am ersten Sonntag der Monate Mai, Juni und September eine öffentliche Besichtigung möglich ist. Die nächste findet am 2. September 2018 statt. Ein Besuch lohnt sich!

 

Text: René Walker, mit bestem Dank an Monica Bilfinger für’s Gespräch.

Fotos: Bundesamt für Bauten und Logistik BBL Bern und Alexander Gempeler Bern


Fotos: Bundesamt für Bauten und Logistik BBL Bern und Alexander Gempeler Bern


Berühmte Gäste übernachten im Lohn in Kehrsatz

1946 Sir Winston Churchill

1949 Premierminister Pandit Nehru von Indien

1951 Bundeskanzler Konrad Adenauer von Deutschland

1956 Präsident Sukarto von Indonesien

1960 Fürst Rainer und Fürstin Gracia von Monaco

1960 König Bhumibol und Köngin Sirikit von Thailand

1961 Bundespräsident Heinrich Lübke von Deutschland

1965 König Frederik IX. und Königin Ingrid von Dänemark

1968 König Olav V. von Norwegen

1970 Fürst Franz Joseph II. und Fürstin Gina von und zu Lichtentein

1970 Bundeskanzler Bruno Kreisky von Österreich

1972 Bundespräsident Gustav Heinemann von Deutschland

1978 Premierminister Karamanlis von Griechenland

1979 König Juan Carlos und Königin Sofia von Spanien

1980 Königin Elizabeth II. und Prinz Philip von Grossbritannien

1981 Präsident Sandro Pertini von Italien

1981 Präsident Rudolf Kirchschläger von Österreich

1982 Bundespräsident Karl Carstens von Deutschland

1982 Präsident François Mitterrand von Frankreich

1985 König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia von Schweden

1987 Bundespräsident Richard von Weizsäcker von Deutschland

1989 König Baudouin und Königin Fabiola von Belgien

1990 Fürst Hans-Adam II. und Fürstin Marie von und zu Liechtenstein

1993 Königin Beatrix und Prinz Claus der Niederlande

1994 Präsident Lech Walesa von Polen mit Gattin


Weitere, ausführlichere Informationen zum Landsitz Lohn gibt es im Schweizer Kunstführer GSK „Das Landgut Lohn in Kehrsatz BE“ von Monica Bilfinger. Dieser kann über www.bundespublikationen.admin.ch oder www.gsk.ch bezogen werden.